Ich zittere immer noch vor Vorfreude, wenn ich mich an jenen schicksalhaften Abend erinnere, als die Grenzen meiner wachsenden Existenz an ihre Limits gestoßen wurden. Es war eine jener seltenen Nächte, in denen die Gäste des Châteaus früh zu Bett gegangen waren und mich mit meinen Gedanken allein ließen, während die letzten Glutreste der Kamine erloschen. Die Stille war fast greifbar, unterbrochen nur vom leisen Knistern meiner Flamme. In diesem Moment spürte ich eine ungewöhnliche Kühnheit durch meine Adern strömen – oder vielmehr durch das tiefrote Wachs, das wie Lebensblut durch mich floss. Der Wunsch, über meine Komfortzone hinauszugehen und die unerforschten Gebiete meines Schmelzpunkts zu erkunden, wurde überwältigend.
Mit einem Gefühl von Schelmerei, das ich zuvor nie gekannt hatte, begann ich, mich den ersterbenden Flammen eines nahen Kamins zu nähern. Die Wärme streichelte mich, und ich spürte, wie ich an den Rändern weich wurde. Es war aufregend und furchterregend zugleich – ich hatte Geschichten von Kandelabern wie mir gehört, die die Kontrolle verloren und sich in unkenntliche Pfützen schmolzen. Aber an jenem Abend fühlte sich etwas anders an; vielleicht war es die Einsamkeit oder der Reiz des Geheimnisses, doch ich verspürte einen unstillbaren Drang zu sehen, wie weit ich gehen konnte. Als die Hitze mich intensiver umhüllte, begann ich zu tropfen – langsame, goldene Wachsrinnsale, die wie Freudentränen über meine Form flossen.
Die Empfindung war unbeschreiblich – eine Mischung aus Lust und Schmerz, während Teile von mir schmolzen und sich auf neue, unerwartete Weise neu formten. Es war befreiend, dieser vorübergehende Verlust von Struktur und Kontrolle. In diesen wenigen Momenten war ich nicht nur ein wunderschön gefertigter Kandelaber; ich war eine Naturgewalt, die floss und sich mit jeder subtilen Temperaturänderung veränderte. Und als ich mich schließlich wieder verhärtete, von der Nachtluft abgekühlt in meine elegante Form zurückkehrte, fühlte ich mich wiedergeboren. Dieses kühne Experiment lehrte mich etwas Tiefgründiges über mich selbst: dass selbst in der Starre eine Schönheit im Hingeben an die wahre Natur liegt.